Wie Maddin zu Jan kam – oder war es umgekehrt?
Herbst 2004
Jan Jensen war seit mehr als zwei Jahren unterwegs.
Er hatte in Küchen gearbeitet, in denen niemand nach seiner Vergangenheit fragte. Hatte Kisten geschleppt, Netze entwirrt und einmal drei Wochen lang auf einem Kutter ausgeholfen, dessen Koch behauptete, Pfeffer sei etwas für Menschen ohne Geschmack.
Jan hatte nichts dazu gesagt.
Früher hätte er widersprochen. Früher hätte er erklärt, wie wenig es brauchte, um aus einem guten Fisch einen schlechten zu machen. Er hätte über Temperatur, Garzeit und das richtige Verhältnis von Salz und Säure gesprochen.
Heute aß er Brot mit Käse.
Manchmal auch ohne Käse.
Das war einfacher.In dem kleinen Hafen, dessen Namen Jan bereits am nächsten Morgen wieder vergessen hatte, roch es nach Tang, Diesel und nassem Holz. Der Sommer war vorbei. Zwischen den Booten hing der erste kalte Nebel, und auf den Bohlen glänzte die Feuchtigkeit.
Jan saß auf einer umgedrehten Fischkiste vor einem Schuppen und betrachtete sein Frühstück.
Zwei Scheiben Brot.
Ein Stück geräucherter Hering.
Kaffee aus einem verbeulten Blechbecher.
Mehr brauchte ein Mensch nicht.
Das jedenfalls behauptete Jan seit einiger Zeit.
Die Möwe landete direkt vor ihm.
Nicht zögerlich. Nicht vorsichtig.
Sie kam herunter, stellte beide Füße auf die Bohlen und sah Jan an, als hätte sie einen Termin.
Jan nahm einen Schluck Kaffee.
Die Möwe betrachtete den Hering.
„Vergiss es.“
Sie sah zu Jan.
Dann wieder zum Hering.
„Selber kaufen.“
Die Möwe machte einen Schritt näher.
Sie war eine Heringsmöwe, kräftig, wach und vollkommen gesund. Kein verletzter Flügel, kein dramatisch zerzaustes Gefieder, kein Grund, sie zu bedauern.
Sie brauchte keine Hilfe.
Sie wollte Frühstück.
Jan brach ein kleines Stück vom Hering ab und warf es auf die Bohlen.
Die Möwe fing es noch vor dem Aufprall.
„Das war’s.“
Sie schluckte.
Dann blieb sie stehen.
Jan aß weiter. Die Möwe ebenfalls, soweit sich aus einem einzigen Stück Fisch eine Mahlzeit machen ließ.
Nach einer Weile neigte sie den Kopf.
„Oha.“
Jan sah auf.
Die Möwe stand unverändert vor ihm.
„Hast du was gesagt?“
Sie blinzelte.
Jan schüttelte den Kopf.
„Ich bin eindeutig zu lange allein unterwegs.“
Er brach ein zweites Stück ab.
Am nächsten Morgen war sie wieder da.
Jan hatte den Hafen inzwischen verlassen und war einige Kilometer weiter an der Küste entlanggezogen. Dort hatte er in einem alten Bootsschuppen einen trockenen Platz für die Nacht gefunden.
Als er am Morgen die Tür öffnete, saß die Möwe auf einem Poller.
Jan blieb stehen.
„Du bist falsch.“
Die Möwe antwortete nicht.
„Der Hering war gestern.“
Sie hüpfte vom Poller auf das Geländer und betrachtete die Tüte in Jans Hand.
Darin befanden sich Brot, zwei Äpfel und ein kleines Stück geräucherter Makrele.
„Das ist kein Lieferservice.“
Die Möwe breitete kurz die Flügel aus.
„Oha.“
Jan sah sich um.
Niemand war in der Nähe.
„Du kannst mir nicht erzählen, dass du mich verstanden hast.“
Die Möwe sah auf die Tüte.
Jan seufzte.
„Ein kleines Stück.“
Von diesem Tag an tauchte sie regelmäßig auf.
Nicht immer morgens. Nicht immer am selben Ort. Aber zuverlässig genug, dass Jan irgendwann aufhörte, sich darüber zu wundern.
Wenn er an einem Hafenbecken saß, landete sie auf dem nächsten Poller. Wenn er an einer Mole entlangging, flog sie über ihm. Wenn er irgendwo für ein paar Tage Arbeit fand, wartete sie abends auf einem Dach, einer Lampe oder einem Fischkistenstapel.
Jan nannte sie zunächst nur „Vogel“.
„Vogel, geh da runter.“
„Vogel, das ist nicht für dich.“
„Vogel, wenn du mir noch einmal das Brot aus der Hand klaust, gibt es morgen gar nichts.“
Die Möwe ließ sich davon nicht beeindrucken.
Sie erschien jeden Tag.
Jan begann, beim Einkaufen etwas mehr Fisch mitzunehmen.
Nur aus praktischen Gründen.
Eine Möwe, die nichts bekam, machte Lärm. Eine Möwe, die ein kleines Stück Fisch erhielt, machte weniger Lärm.
Das war keine Freundschaft. Das war Hafenlogistik.
Nach einer Woche kochte Jan zum ersten Mal wieder.
Es geschah aus Versehen.
Er hatte an einem Marktstand zwei kleine Schollen gekauft. Eine hätte gereicht. Der Händler hatte ihm jedoch beide gegeben, weil die zweite am Ende des Tages ohnehin liegen geblieben wäre.
Jan nahm sie mit in die kleine Gemeinschaftsküche einer Pension, in der er für einige Nächte untergekommen war.
Er wollte die Fische eigentlich nur braten.
Dann fand er Butter.
In einem Glas standen frische Kräuter. Auf der Fensterbank lag eine Zitrone. In einer Schublade entdeckte er Pfefferkörner und einen Mörser.
Jan betrachtete die Dinge.
Danach betrachtete er die Schollen.
Seine Hände wussten noch, was zu tun war.
Er säuberte die Fische. Tupfte sie trocken. Röstete den Pfeffer kurz an, zerdrückte ihn und mischte ihn mit Salz. Er erhitzte die Butter, bis sie nussig roch, gab die Schollen hinein und ließ sie langsam Farbe annehmen.
Die Bewegungen kamen zurück, ohne dass er nachdenken musste.
Als Jan fertig war, stand die Möwe draußen auf der Fensterbank.
Sie blickte durch die Scheibe.
„Du kriegst nicht die Haut.“
Die Möwe klopfte mit dem Schnabel gegen das Glas.
„Und du kommst hier nicht rein.“
Sie klopfte erneut.
Jan öffnete das Fenster einen Spalt und reichte ihr ein kleines Stück Fisch.
Die Möwe nahm es.
Dann sah sie auf den Teller.
„Oha.“
Jan setzte sich.
Die Scholle schmeckte gut.
Nicht spektakulär. Nicht ausgezeichnet. Kein Gericht, über das jemand einen Artikel schreiben würde.
Einfach gut.
Jan aß langsam.
Am nächsten Tag bereitete er eine Suppe zu.
Auch das hatte er nicht geplant.
Im Hafen hatte ihm ein Fischer Abschnitte von Dorsch und einige Gräten überlassen. Jan kochte daraus einen Fond. Dazu kamen Zwiebeln, etwas Gemüse, ein Rest Weißwein und später kleine Stücke vom Fisch.
Die Möwe saß draußen auf einem umgedrehten Eimer.
„Das dauert.“
Sie blieb sitzen.
„Fond braucht Zeit.“
Die Möwe putzte sich einen Flügel.
„Das kannst du nicht verstehen.“
Sie sah ihn an.
„Oha.“
Jan ließ die Suppe ziehen.
Sie wurde kräftig, klar und warm. Genau richtig für einen kalten Abend an der Küste.
Jan füllte sich eine Schale.
Ein kleines Stück Fisch legte er auf den Rand des Eimers.
„Nur damit Ruhe ist.“
Die Möwe fraß es.
Danach flog sie nicht fort. Sie blieb bei ihm sitzen, während der Wind stärker wurde und die Leinen der Boote gegen die Masten schlugen.
Jan aß seine Suppe.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er nicht das Gefühl, lediglich den nächsten Tag erreichen zu müssen.
Am Morgen stand er früh auf. Nicht weil er weiterwollte.
Weil der Vogel um kurz nach sechs auf das Blechdach der Unterkunft sprang und dort ein Geräusch verursachte, als würde jemand Schrauben aus einem Eimer kippen.
Jan öffnete das Fenster.
„Bist du wahnsinnig?“
Die Möwe sah zu ihm herunter.
„Es ist sechs Uhr.“
Sie antwortete mit einem kurzen Ruf.
„Ich hab verstanden. Frühstück.“
Jan zog sich an.
Von da an bekam sein Tag wieder eine Ordnung.
Aufstehen.
Kaffee.
Etwas zu essen.
Arbeit suchen oder weitergehen.
Am Abend kochen.
Anfangs kochte Jan für sich und gab dem Vogel einen Rest.
Später kaufte er manchmal einen Fisch mehr.
Nur einen kleinen.
Nur weil er wusste, dass die Möwe ohnehin auftauchen würde.
„Du bist ganz schön verfressen“, sagte Jan eines Abends.
Die Möwe saß auf dem Geländer und betrachtete die Sardine in seiner Hand.
„Maddin.“
Jan hielt inne.
„Was?“
Die Möwe machte einen Schritt vor.
„Maddin.“
Jan sah sie lange an.
„Das ist doch kein Name.“
Sie nahm ihm die Sardine aus der Hand.
„Maddin“, wiederholte Jan.
Die Möwe schluckte.
„Na gut. Dann eben Maddin.“
Ob Jan den Namen wirklich gehört hatte oder ob ihm das Möwengeschrei nur so vorgekommen war, hätte er später nicht mehr sagen können.
Maddin hieß von diesem Abend an Maddin.
Es dauerte noch einige Wochen, bis Jan begriff, dass er nicht mehr ziellos unterwegs war.
Er zog weiterhin von Ort zu Ort. Arbeitete einige Tage hier, eine Woche dort. Doch er begann, auf einer Karte nachzusehen, wo er sich befand. Und wie weit es von dort nach Havenhusen war.
Zuerst rein aus Interesse.
Dann, weil er wissen wollte, ob er noch vor dem Winter ankommen könnte.
„Ich fahr nicht zurück“, sagte er zu Maddin.
Sie saßen auf einer niedrigen Mauer oberhalb eines Hafens. Unter ihnen liefen die Wellen gegen die Steine. Maddin stand neben ihm und sah aufs Wasser.
„Ich seh nur nach.“
Maddin schwieg.
„Vielleicht ein paar Tage.“
Die Möwe neigte den Kopf.
„Da gibt es Leute, die wollen wahrscheinlich Erklärungen.“
Maddin putzte sich die Brustfedern.
„Und ich hab keine.“
Der Wind trug den Geruch von Salz und Regen herauf.
Jan sah auf die Karte.
Havenhusen lag nicht mehr weit entfernt.
„Du würdest da sowieso nicht hinpassen.“
Maddin blickte ihn an.
„Da gibt es genug Möwen.“
„Oha.“
Jan faltete die Karte zusammen.
„War ja klar.“
Zwei Tage später schlug er den Weg nach Havenhusen ein.
Nicht direkt.
Jan nahm mehrere Umwege. Blieb noch einen Tag in einem Ort, in dem es nichts für ihn zu tun gab. Half einem Fischer bei der Reparatur einer Kiste, die auch ohne ihn gehalten hätte. Trank drei Tassen Kaffee in einem Hafencafé und betrachtete lange den Regen.
Maddin wartete.
Wenn Jan weiterging, flog er voraus. Wenn Jan stehen blieb, setzte Maddin sich auf den nächsten Pfosten.
„Du musst nicht mitkommen“, sagte Jan.
Maddin blieb.
„Ich meine das ernst.“
Maddin flog zum nächsten Poller.
Am frühen Morgen erreichten sie Havenhusen.
Über dem Hafen lag leichter Nebel. Die Dächer zeichneten sich erst undeutlich ab. Hinter den Hallen stand die alte Werft, stiller als Jan sie in Erinnerung hatte.
Er blieb am Rand des Hafens stehen.
Dort war der Kai.
Dort führte der Weg hinauf zum Ort.
Und irgendwo hinter den Häusern lag der Seestern.
Jan hatte sich vorgestellt, dass seine Rückkehr sich anders anfühlen würde. Größer vielleicht. Schwerer.
Stattdessen stand er einfach da, mit einer Tasche über der Schulter und dem Geschmack von zu starkem Kaffee im Mund.
Maddin flog über das Hafenbecken.
Er zog einen weiten Bogen, als wolle er sich erst einen Überblick verschaffen. Dann landete er auf einem Poller am Kai.
Genau dort, wo Jan entlangmusste.
Die Möwe sah ihn an.
Jan blieb stehen.
„Nur ein paar Tage.“
Maddin neigte den Kopf.
„Dann sehe ich weiter.“
Die Möwe blickte hinüber zur Werft, zum Hafen und zu den Häusern Havenhusens.
„Nu denn.“
Jan schüttelte den Kopf.
Dann ging er los.
Maddin wartete, bis Jan an ihm vorbeigegangen war. Anschließend flog er auf, zog über den Kai hinweg und landete einige Meter weiter auf dem nächsten Poller.
So ging es bis in den Hafen.
Später behauptete Jan, er habe Maddin unterwegs gefunden.
Maddin äußerte sich dazu nie eindeutig.
Doch wenn jemand fragte, wie die beiden nach Havenhusen gekommen waren, sah die Möwe gewöhnlich erst Jan an, dann den Fragenden.
Und sagte:
„Oha.“
