
Willi Kruse
Steckbrief:
Geboren: 04.07.1957
Beruf: Ehemaliger Werftarbeiter; später selbständiger Motorradmechaniker
Leidenschaften: Motorräder, Rock- und Metalmusik
Besonderheit: Unterstützte bereits in den Achtzigerjahren die Havenhusener Jugendband The Howlers und galt bald als deren inoffizieller sechster Mann.
Charakter: Direkt, eigenständig, loyal und hilfsbereit; mit Maschinen oft geduldiger als mit Menschen.
Typisch für ihn: Schwarzes Bandshirt, ölverschmierte Hände und die Aufforderung: „Lass mal hören.“
Willi Kruse gehörte viele Jahre zur Belegschaft der Havenhusener Werft. Dort arbeitete er im technischen Bereich und lernte, dass Maschinen selten grundlos streiken. Man musste nur lange genug zuhören, bis sie verrieten, was ihnen fehlte.
Schon damals galt seine besondere Leidenschaft Motorrädern. Während andere nach Feierabend Werkzeug und Arbeitskleidung liegen ließen, schraubte Willi weiter – an seiner eigenen Maschine, an den Motorrädern von Kollegen oder an allem, was mit einem Motor auf den Werfthof gerollt wurde.
Auch mit Verstärkern, Kabeln und Musikanlagen kannte er sich aus. Das machte ihn in den Achtzigerjahren für die Havenhusener Jugendband The Howlers unentbehrlich.
Zur ursprünglichen Besetzung der fünf Jugendlichen gehörte Willi zwar nicht. Dafür war er deutlich älter und vermutlich auch ein wenig zu vernünftig. Er reparierte jedoch Verstärker, improvisierte Kabelverbindungen und sorgte dafür, dass die Band überhaupt Strom hatte.
Vor allem mit Kalle Brodersen verband ihn die gemeinsame Begeisterung für laute Musik, Maschinen und einen eher trockenen Humor.
Wenn bei einer Probe etwas ausfiel, musste meist nur jemand nach Willi suchen.
„Mitglied war ich nich“, erklärt er bis heute.
Nach einer kurzen Pause fügt er gewöhnlich hinzu:
„Ohne mich hätten se aber nich lange gespielt.“
Bei späteren Wiedersehen und gelegentlichen Auftritten griff Willi schließlich selbst mit zum Instrument. Seitdem wird in Havenhusen darüber gestritten, ob er nun wirklich zu den Howlers gehört. Die Bandmitglieder betrachten die Frage als längst beantwortet.
Als die Werft immer weiter verkleinert wurde und schließlich nicht mehr genügend Arbeit für alle bot, musste auch Willi sich neu orientieren. Statt Havenhusen zu verlassen, machte er aus seiner Leidenschaft einen Beruf und eröffnete eine eigene Motorradwerkstatt.
Seine Werkstatt ist kein glänzender Ausstellungsraum mit Empfangstheke und digitalem Terminmanagement. Sie riecht nach Öl, Metall und Gummi. An den Wänden hängen Werkzeuge, alte Schilder, Konzertplakate und Erinnerungsstücke aus mehreren Jahrzehnten Motorradgeschichte.
Willi repariert, wartet und restauriert Maschinen, die andere längst aufgegeben haben. Mit moderner Elektronik hat er sich arrangiert, auch wenn er einem Vergaser deutlich mehr Vertrauen entgegenbringt.
„Der kann wenigstens nich behaupten, er hätte sein Passwort vergessen.“
Sein früheres Leben auf der Werft hat Willi nie ganz hinter sich gelassen. Auch nach deren Niedergang gehörte er gemeinsam mit Franz Kasulke und Erich Vollbrecht zu den Männern, die sich donnerstags auf der Werft trafen.
Dort wurde gearbeitet, nach dem Rechten gesehen, erinnert und gelegentlich etwas repariert, das offiziell niemand zur Reparatur vorgesehen hatte.
Diese Donnerstage waren mehr als eine Gewohnheit. Sie hielten einen Teil der alten Werftgemeinschaft am Leben.
Willis zweite große Leidenschaft ist die Musik. Er trägt bevorzugt schwarze Shirts von Bands, deren Lautstärke andere Menschen bereits als körperliche Erfahrung empfinden. Konzerte besucht er weiterhin und hält wenig von der Vorstellung, Rockmusik habe ein Verfallsdatum.
Sein Motorrad ist ebenfalls kein nostalgisches Ausstellungsstück. Willi fährt es. Vielleicht nicht mehr bei jedem Wetter und nicht mehr jede Strecke ohne Pause – aber oft genug, dass sein Motorengeräusch in Havenhusen sofort erkannt wird.
Auf den ersten Blick wirkt Willi rau. Er spricht direkt, besitzt wenig Geduld für Angeberei und noch weniger für Menschen, die ausführlich über Motorräder reden, ohne jemals selbst einen Ölwechsel gemacht zu haben.
Wer wirklich Hilfe braucht, kann sich dagegen auf ihn verlassen. Willi zeigt Freundschaft selten durch große Worte. Meist erkennt man sie daran, dass eine Maschine plötzlich wieder läuft, obwohl er angeblich überhaupt keine Zeit dafür hatte.
Willi ist kein Überbleibsel aus der alten Werftzeit. Er hat sich neu erfunden, ohne seine Herkunft hinter sich zu lassen.
Und wenn die Howlers noch einmal auftreten, steht er garantiert irgendwo in der Nähe – entweder mit einem Instrument oder mit dem Werkzeug, das den Auftritt überhaupt erst möglich macht.
