Arne Lüdersen hatte Hans das Fotografieren nahegebracht.
Viele Jahre später gab Hans dieses Wissen an Sonya weiter.
In der Dachmansarde des Seesterns hatte er eine kleine Dunkelkammer eingerichtet.
Dort zeigte er der Vierzehnjährigen, wie aus einem belichteten Stück Fotopapier langsam ein Bild entstand.
Sonya stand über der Entwicklerschale und beobachtete gebannt, wie sich auf der zunächst weißen Fläche erste Konturen zeigten.
Sie wusste, dass sie nicht zu lange warten durfte. Neben der Schale lag bereits die Zange bereit, mit der sie den Abzug rechtzeitig ins Stoppbad legen würde.
Doch für einen Augenblick vergaß sie alles um sich herum.
Hans stand hinter der Kamera.
Sonya bemerkte nicht, dass der Verschluss klickte.
Für sie war es der Moment, in dem ihr erstes eigenes Foto entstand.
Für Hans wurde es eines der letzten Bilder seines letzten Films.
Jahre später würde Sonya wieder in einer Dunkelkammer stehen und beobachten, wie langsam Bilder sichtbar wurden.
Diesmal waren es nicht ihre eigenen Aufnahmen.
Es waren Hans’ letzte 36 Bilder.
Hans fotografierte an diesem Tag nicht das Bild in der Schale.
Er fotografierte den Augenblick, in dem eine junge Fotografin entstand.
Vielleicht beginnt manches erst dann, wenn wir glauben, dass es längst zu Ende ist.
Faktenbox:
- Ausstellung: Hans Ehlers – Seine letzten Bilder
- Motivnummer: 31 von 36
- Technik: Schwarzweiß-Fotografie
- Ort: Dunkelkammer in der Dachmansarde des Seesterns
- Abgebildete Person: Sonya Petersen, 14 Jahre
- Besonderheit: Eines der letzten Bilder auf Hans Ehlers’ letztem Film
- Spätere Bedeutung: Sonya entwickelt Jahre später genau diesen Film und entdeckt dabei erstmals das Foto, das Hans damals unbemerkt von ihr aufgenommen hatte.
- Fotograf: Hans Ehlers
